Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Samstag, 31. März 2001

"Von Vertrauen und Selbstvertrauen"

Wenn unsere Urgroßväter in die Gegenwart zurück kehren könnten, um in unserem Alltag zu leben, würden sie erschrecken und erstarren. Sie könnten sich beim besten Willen nicht zurecht finden. Nicht allein im Irrgarten der Technik und der Computer wären sie ratlos, sondern auch viel mehr im Wirrwarr unserer Meinungen, Ansichten und Moralbegriffen. Unsere Ahnen strebten als Lebensziel noch nach dem "edlen Menschen". Ehre, Wahrheit, Bescheidenheit, Fleiß, Gottgläubigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Sparsamkeit, Pflichterfüllung, Vertrauen und Selbstvertrauen - das waren die Ideale längst vergangener Tage. In unserer Zeit würden die Urgroßeltern vergeblich danach suchen und ebenso hilflos dastehen, wie mancher Mensch unserer Generation, der noch an jene Ideale glaubt. Die meisten haben kein Vertrauen mehr in das, was andere sagen, versprechen oder tun. Und das beginnt schon bei der Regierung. Auch unser Selbstvertrauen ist brüchig geworden, weil es kaum noch etwas gibt, auf dem sich das Eigenwertgefühl aufbauen lässt.
Auf das eigene Haus und das schnelle Auto vielleicht? Aber auch das gibt nur einen Ersatz für das, was uns fehlt. Denn Computer und Automaten leisten mehr und sind präziser als Menschen. Von "unserer Hände Arbeit" allein - buchstäblich gemeint - können sich nur noch ganz wenige ernähren. Wer von uns blindlings vertraut, wird meist betrogen; wer geschickt betrügt, hat oft den großen Erfolg und kann nur selten zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht der Bescheidene wird geehrt, sondern jener, der sich egoistisch das größte Stück vom Kuchen nimmt. Profit und Vorteil gelten als erstrebenswert. Und Pflichterfüllung? Immer mehr Jugendliche vertreten die Ansicht, dass sie auf die Welt gekommen sind, um das zu tun, wozu sie gerade Lust haben. Meist haben sie Lust, überhaupt nichts zu tun. Und es fällt uns immer schwerer, in unserer Ellbogengesellschaft ihnen Werte aufzuzeigen, nach denen sie ihr Leben ausrichten könnten.

Carlheinz Walter


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