Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Mittwoch, 23. August 2000

"Einem die Stange halten"

Es geschieht immer wieder, daß ein uns nahestehender Mensch in Schwierigkeiten gerät, daß man ihn verleumdet, seine Handlungsweise tadelt, ihn ungerecht behandelt. Wie gut für ihn, wenn dann jemand da ist, der trotz aller bösen Reden an ihn glaubt, der ihm die "Stange hält", wie die alte Redensart meint. Eine Stange vielleicht, an der er sich in seiner unglücklichen Situation aufrichten kann? So läßt es sich schon deuten, doch der Ursprung der Wendung führt zu einer ganz anderen Erklärung. Die Redewendung, die seit dem 17. Jahrhundert belegt ist und soviel wie "in Schutz  nehmen, seine Partei ergreifen" bedeutet, stammt aus dem alltäglichen Rechtsleben. Danach war es üblich, beim gerichtlichen Zweikampf jedem der beiden Kontrahenten einen zweiten Mann, einen "Sekundanten" (denn das bedeutet dieser Name) beizugeben. Er sollte notfalls mit einer Stange zu dessen Schutz eingreifen können. So finden wir im schwäbischen Landrecht überliefert: "ir ietwedern sol der rihter einen man geben, der ein stange trage, die sol der über den haben (halten), der da gevellot (zu Fall gekommen ist). Auch in das Turnier wurde diese Einrichtung übernommen; hier ist der Stangenträger unter dem Namen "Grießwart" bekannt. Aus früheren Zeiten kennt man auch Bezeichnungen wie "stanger" oder "stängler". Wer von den Kontrahenten die Stange begehrte, galt damit als überwunden. Selbst das Begehren der Stange wurde zu Redensart, wie wir aus der Zimmerschen Chronik wissen: "Die sollten der sach gegen den stetten nit vergessen, auch lange nicht der stangen begehren." 

Schließlich wird die Wendung auch in dem Sinne gebraucht, daß "einem die Stange halten" soviel bedeutet wie "ihm gewachsen sein, ihn nicht fürchten müssen". Man führt dies zum Teil auf die Waage zurück, wo eine Waagschale der anderen die (Waag`) Stange hält, so daß beide Schalen gleich hoch stehen. Auch auf die Sprache der Kunstfechter wird verwiesen, die hin und wieder mit Stangen fochten, wobei einer dem anderen gleichsam durch Parieren die Stange band und hielt.
- Margit Horn -


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