Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Mittwoch, 14. März 2001

"Auf die Schippe genommen"

Wir Menschen neigen nun einmal dazu, mit anderen unsere Späße zu treiben. Und das bezieht sich bisweilen nicht nur auf die Fünfte Jahreszeit - die von Fasching, Fasnet, Fasenacht und Karneval. Da ist es gewissermaßen obligatorisch, aber auch im ganz normalen Alltagsleben lassen wir keine Möglichkeit aus, uns auf Kosten unserer Mitmenschen zu amüsieren. Am 1. April tun wir das ganz offiziell, und unergründlich ist der Erfindungsreichtum schon seit Jahrhunderten, einen anderen hereinzulegen. Opfer sind dabei meist gutgläubige Zeitgenossen, die alles für bare Münze nehmen, was man ihnen sagt und vorgaukelt - obwohl sie doch eigentlich wissen müssten, dass unser Leben voller Täuschungen steckt. Gerade in unserer Ellbogenzeit, wo jeder nur nach Profit trachtet und ihm jedes Mittel recht ist, ihn auch zu erzielen, bleiben viele Hereingelegte auf der Strecke, meist in materieller Hinsicht, aber auch mit seelischem Schaden. Wenn wir die Redewendung betrachten, die davon handelt, einen anderen "auf die Schippe zu nehmen", dann gibt es dabei wohl eher allgemeines Gelächter als Verlust des Selbstwertgefühls bei dem Betroffenen. Denn hier ist eine heitere Variante des Spaßmachens angesagt, die sich lediglich an den Marotten und Eigenheiten des hier Vorgeführten orientiert. Auf die Schippe nehmen lassen sich leicht Leute, die über nichts anderes mehr reden können als über ihr Hobby, ihre berufliche Kompetenz, ihren Hang zu einer bestimmten Automarke, ihre Schwärmerei für ein bestimmtes Ferienziel. Wenn es die Gelegenheit ergibt, "zieht man sie damit auf", wie man es so schön sagt, und versucht, sie damit wieder "auf den Teppich zu bringen", in die Wirklichkeit also, in der sie mit ihrem Besonderheitsbedürfnis einen schweren Stand haben, vor allem dann, wenn sie ihren Mitmenschen damit auf die Nerven gehen...

Margit Horn


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