Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Montag, 21. Februar 2000
Einen Narren gefressen
Wenn man ausdrücken will, dass jemand für eine Sache oder auch für einen Menschen in geradezu lächerlicher Weise eingenommen ist, benutzt man gern die alte Redensart, er habe "einen Narren daran gefressen". Dieser bekannten Wendung liegt vermutlich die alte Vorstellung zu Grunde, dass ein alberner Mensch einen kleinen Dämon leibhaft in seinem Innern stecken habe, also einen "Narren im Leibe" oder auch "einen Narren gefressen".
Thomas Murner (1475-1537), der als Franziskaner in seinen Satiren die Mißstände in
der Kirche bekämpfte, erklärt in seiner "Narrenbeschwörung" von 1512, er
wolle versuchen, "die narren von den lüten zu bringen". Und in seiner
"Mühle von Schwyndelßheim" erklärt er:
Wer hohen zorn nit kan vergessen,
der hat auch rohe narren fressen.
Der Schuhmacher und Poet Hans Sachs zu Nürnberg schrieb einen Schwank "Der Narrenfresser" und außerdem ein Fastnachtsspiel mit dem Titel "Das Narrenschneiden". Hierin schneidet ein Arzt dem Kranken die Narren der Hoffart, des Geizes, des Neides, der Unkeuschheit, der Völlerei, des Zorns, des Scheltens etc. aus dem Leib.
Zur heute geläufigen Form wurde die Redensart dann erweitert, als man bereits an ihren eigentlichen Sinn nicht mehr dachte. Wörtlich genommen ist "einen Narren an jemand fressen" natürlich Unsinn, dafür macht es aber Sinn, wenn man feststellt, dass jemand in einen anderen "vernarrt" sei. Und bei dieser Erklärung ist die alte Wendung natürlich zur Beschreibung einer menschlichen Verhaltensweise geworden, die mit den Narren und der närrischen Zeit überhaupt nichts zu tun hat.