Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Dienstag, 13. Februar 2001

"Das Loch im Bauch"

Es gibt gesprächige und weniger mitteilsame Zeitgenossen, und während man bei letzteren manchmal argwöhnt, sie würden mit etwas "hinter dem Berge" halten, wie das alte Sprichwort meint, also es an Offenheit fehlen lassen, so fallen uns die anderen häufig genug auf die Nerven. Man wagt schon gar nicht mehr, eine Frage an sie zu richten, denn unweigerlich erfolgt daraufhin ein Wortschwall, dessen Ende sich nicht absehen lässt. Es ist, als hätte man ein Fass angestochen, aus dem das Mitteilungsbedürfnis nun unentwegt sprudelt. "Mit dem will ich mich nicht unterhalten, der redet einem ja ein Loch in den Bauch", ist dann die resignierte Feststellung. Natürlich ist diese bildliche Vorstellung ebenso übertrieben wie die Geschwätzigkeit dessen, den man mit dieser Redewendung kennzeichnet - aber es muss sich wohl um eine schon früh registrierte menschliche Schwäche dabei handeln. In der Überlieferung findet man beispielsweise bei Lehmann (1639) die Erklärung "heftig oder ausdauernd auf jemanden einreden" und den Hinweis "Wenn man ein Loch durch manchen predigt, so hilft´s doch nicht"! In Murners "Schelmenzunft" aus dem Jahre 1512 heißt es: "Eyn loch durch brieff reden", und dabei ist ein Jurist mit derbem Mund abgebildet, der auf einen durchlöcherten Brief in seinen Händen gerichtet ist. Nun, ob in Brief oder Bauch, die so angesprochene Redseligkeit ist immer von Übel. Aber prüfen wir uns doch einmal selbst. Gibt es nicht auch Gelegenheiten, da wir unseren Gesprächspartner mit unseren Fragen oder Berichten geradezu "löchern"? Es hört sich eben jeder selbst gern reden; wie das auf andere wirkt und von ihnen beurteilt wird, das merkt man am besten daran, wenn uns mal wieder jemand mit seiner ungebremsten Mitteilungsfreude fast verstummen lässt.

W. Hermuth


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