Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Freitag, 23. Februar 2001
"An der langen Leine..."
Wenn man einen Menschen, der einen anderen stark beeinflusst,
beschreiben will, so sagt man: "Der hat ihn an der Leine", und das
bedeutet, dass er ihn ganz nach Belieben lenken kann. Von Partnerschaften, bei
denen eine besondere Dominanz besteht, ist hier die Rede, und es fällt nicht
schwer, die Redewendung darauf zurückzuführen, dass beispielsweise der Bauer
ein Tier am Leitseil hält. Ob freilich die ebenfalls weitverbreitete Redensart,
dass jemand "Leine zieht", damit zusammenhängt, stellen die
Experten in Frage. Dieser Ausspruch beinhaltet ja die Tatsache, dass einer
ausschert, sich davonmacht, sich der Verantwortung entzieht. Man hat die
Deutung, die auf den Seiler zurückgeht, der ja rückwärts gehend das Seil
dreht, nie ganz ernst genommen, da sich der Seiler ja nicht von seiner
Tätigkeit entfernt.
Eher befriedigend ist die Erklärung, die an einen früher weitverbreiteten
Brauch erinnert, wonach ein Schiff mit einer Leine am Ufer hingehend zu ziehen
war. Noch heute finden wir an allen Ufern großer Flüsse die sogenannten
Treidelpfade. Hier ist dann wirklich die Redewendung "Leine ziehen"
augenfällig, zumal "Leine" immer auch für das Schiffszugseil
verwendet wurde. Und noch etwas könnte damit zusammenhängen. Spricht man von
jemandem, der "Leine zieht", so beinhaltet dies auch immer die
Vorstellung, dass er sich nicht geradewegs davonmacht, sondern auch eher einen
krummen Weg bevorzugt, so wie es auch in der Wendung "sich in die Büsche
schlagen" Ausdruck findet. Das Seitwärtsgehen beim Treideln könnte also
auch bei dieser Redensart Pate gestanden haben... Vermutlich jüngeren Datums
ist die Formulierung, dass man jemanden "an der langen Leine" hält.
Dies trifft vor allem für Eltern zu, die ihre Sprösslinge im oft recht
chaotischen Zustand des Erwachsenwerdens nicht mehr als unbedingt nötig
bevormunden und beeinflussen. An der langen Leine gehalten - von ihnen meist
unbemerkt - entwickeln sie sich dann in den meisten Fällen doch so, wie von den
Erwachsenen erwartet. Sicher bedarf es oft großer Geduld und einer gehörigen
Menge Toleranz, um die Leine über längere Zeit so locker zu halten, aber wenn
der Erfolg einem dann Recht gibt, sind alle oft schwierigen Zugeständnisse
vergessen.
- Margit Horn -