Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Donnerstag, 15. März 2001
"Ja ... aber ..."
Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht geschmeichelt
fühlt, wenn man ihn um Rat fragt. Man kommt sich dann immer recht weise vor und
ist meist mit einem Lösungsvorschlag schnell bei der Hand. Natürlich ist das
eigentlich recht unvorsichtig; der Ratsuchende verlagert ja die Verantwortung
auf den bereitwilligen Ratgeber und kann ihm auch jederzeit die Schuld geben,
falls es zu einem Fehlschlag kommt: "Schließlich warst du es, der mir dazu
geraten hat." Es gibt nun aber auch Leute, die aus noch hinterlistigeren
Gründen um Rat fragen, wenn ihnen freilich diese Hinterlist gar nicht bewusst
ist. Der amerikanische Psychologe Eric Berne nennt solche Frager
"Ja-Aber-Menschen". Sie stellen ein Problem zur Diskussion. Wenn dann
ein Lösungsvorschlag gemacht wird, haben die Ratsuchenden immer den gleichen
Einwand: "Ja ... aber." Sie genießen es gleichsam, dem Ratgeber immer
wieder zu beweisen, dass es überhaupt keinen Ausweg gibt. Dem willigen Ratgeber
gehen dann schließlich die guten Gedanken und Lösungsvorschläge aus. Es
entsteht ein betroffenes Schweigen, und dieses wieder genießt der
"Ja-Aber-Mensch" als Triumph: "Sie sehen, es ist mir wirklich
nicht zu helfen!"
Viele von uns haben in ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis einen oder mehrere
solcher "Ja-Aber-Menschen". Das fällt einem erst auf, wenn man einmal
die Unterhaltung kritisch verfolgt. Oft bemüht sich eine ganze Tafelrunde
darum, gute Ratschläge zu geben - bis keinem mehr etwas einfällt und das
erwähnte peinliche Schweigen eintritt. Die Psychologen haben für den Umgang
mit einem "Ja-Aber-Menschen" einen praktischen Hinweis. Das Spiel
fällt sofort in sich zusammen, wenn man dem Fragenden antwortet: "Mein
Lieber, das ist Ihr Problem!"
Carlheinz Walter