Quelle: Dingolfinger Anzeiger vom Montag, 13. November 2000
"Über den Daumen gepeilt"
Auch wenn wir im Alltag kaum daran denken - wir könnten nichts
tun ohne unsere Finger. Denn sie bilden jenen Teil der Hand, der zugreifen,
drehen, schneiden und sortieren, nähen, stricken und noch so unendlich viele
andere Tätigkeiten ausführen kann. Streicheln beispielsweise, Tasten bedienen,
Instrumente spielen - es lässt sich gar nicht alles aufzählen. Jeder Finger
hat dabei gemäß seiner Größe und Kraft besondere Aufgaben. Mit dem
Zeigefinger deuten wir auf etwas hin, der Ringfinger und auch sein Nachbar
tragen Schmuck. Nur vom Daumen ist selten die Rede. Und doch wird er in alten
Redewendungen häufig erwähnt. Da drückt man einem den Daumen aufs Auge und
bedrängt ihn damit, man setzt ihm möglicherweise sogar Daumenschrauben an, zu
welcher Formulierung mittelalterliche Foltermethoden Pate standen. Freundlicher
ist dagegen der Vorsatz, dass man jemandem den Daumen drückt oder hält, ihm
also in einer kritischen Situation beistehen will. Nach alter mythischer
Vorstellung wurden ja dem Daumen übernatürliche Kräfte zugeschrieben, die man
nicht nur volksmedizinisch, sondern auch an allerlei Zauberhandlungen ausnutzte.
Bereits bei den alten Römern spielte der Daumen bei den Kämpfen in der Arena
eine bedeutende Rolle. Wurde er eingeschlagen, so galt dies als ein Zeichen des
Beifalls - so beispielsweise im Kolosseum als Gnadensymbol für den gestürzten
Gladiator - ein ausgestreckter Daumen dagegen bedeutete das Gegenteil.
Zu den friedlichen Beschäftigungen dieses wichtigen Fingers gehört es,
gleichsam das Geldausgeben der Hand zu überwachen, wobei jedes gezahlte
Geldstück mit einem Daumendruck entlassen wurde - daher die bekannte Bewegung
von Daumen und Zeigefinger um anzudeuten, dass zu dem eben Besprochenen Geld
gehört. Ganz anders verhält es sich mit der Formulierung "etwas über den
Daumen abschätzen", also nur grob und ungenau angeben. Und in dieser
Richtung liegt auch die uns heute noch mehr vertraute Redewendung "etwas
über den Daumen peilen", was immer eine Ungenauigkeit beinhaltet. Ursprung
einer solchen Wendung ist in der Seemannssprache zu suchen, wo die Breite des
vor das Auge gehaltenen Daumens eines ausgestreckten Arms als Hilfsmaß beim
Entfernungsschätzen dienen musste.
W. Hermuth